Mittwoch, 25. November 2009
Holland habe ich bisher mit leckerem Vla, Frikandel Special und windigen Kurzurlauben verbunden - und der vermeintlichen Grundzutat eines gelungenen Reggaeabends. Musikalisch hat das Land aber wenig zu bieten - sieht man mal von Vader Abraham mit seine Schlümpfen oder Rudi Carells Schlagerversuchen ab.

Dabei ist der "Holländer an sich" durchaus musikalisch - zumindest wenn man den Bildern und Tönen glauben darf, die uns bei den Fernsehübertragungen von Fußballländerspielen der Oranjes oder Eislaufveranstaltungen erreichen. Da wird wild trompetet und gesungen, dass man das Gefühl hat, das eigentliche Event findet nicht in dem Oval, sondern auf den Tribünen statt. Hat man allerdings mal die Chance, dem Singsang der Fans zu lauschen, bestätigt sich schnell der zweite Satz meines Beitrags: "Musikalisch hat das Land aber wenig zu bieten - sieht man mal von......"

Das hat sich jetzt glücklicherweise geändert - denn mit Mala Vita gibt es eine Band, die den bisher musikalisch weißen Fleck der Niederlande auf der Landkarte des Mestizo mit Farbe füllt. Dabei war ihr erste Album "Disorganizzata" 2007 -zumindest in meinen Ohren- keine sonderliche Offenbarung. Die Mischung aus Balkan und Skapunk war zwar interessant und neu, aber mir zu unausgewogen und hölzern. Ich habe die Platte zwei-, dreimal gehört und dann ganz schnell wieder vergessen.

Mit "En Exilo" hat sich aber ihre musikalisches Umsetzung grundlegend verbessert. Plötzlich passt die Mischung aus treibenden Balkansounds, brachialem Ska und Reggae perfekt zusammen und der Sound klingt nicht mehr zusammengestückelt, sondern präsentiert sich wie aus einem Guss. Musikalisch bewegen sie sich auf relativ neuem Gebiet - die Verbindung von Ska, Punk und Balkan kenne ich sonst nur von KulturShock und in Ansätzen von Figli di Madre Ignota (wobei KulturShock wesentlich härteren Punk einstreut).

Deshalb können wahrscheinlich auch noch nicht alle Songs hundertprozentig überzeugen, aber mit Songs wie "Addio" oder "Balkanize" beweisen Mala Vita, dass sie eine gewisse musikalische Bandbreite abdecken können - da muss es nicht immer straight ab nach vorne gehen, auch bei den ruhigeren Stücken macht die Band eine durchaus gute Figur.

Mala Vita kommt zwar aus den Niederlanden, die Bandmitglieder haben aber auch andere Wurzeln. Der Sänger kommt aus Neapel, Schlagzeuger und Akordeonspieler aus Bosnien, der Rest aus Serbien und Holland - zusammengefasst eine jener klassischen Multikultibands, die zeigen, dass es entgegen aller Propaganda der rechten Rattenfänger (die es ja leider auch in den Niederlanden reichlich gibt) doch ein fruchtbares Zusammenleben verschiedener Kulturen geben kann - und angesichts der (musikalischen) Ödnis (nicht nur in unserem Nachbarland) auch viel häufiger geben sollte.

Mala Vita Homepage
Mala Vita auf myspace
Foto: Martijn Dehing auf flickr





Freitag, 23. Oktober 2009
Wir waren auf dem Weg nach Sardinien und kamen nachmittags in Livorno an. Die Fähre fuhr erst am nächsten Morgen, so dass wir den restlichen Tag auf einem Campingplatz ganz in der Nähe des Hafens verbrachten. Der Platz hatte einen kleinen Sandstrand - also stiefelten wir mit Handtuch und Sonnenmilch bewaffnet zum Sonnenbaden ans Meer. Der Strand war klein und nicht sonderlich schön, aber so richtig hässlich wurde es erst durch die Skyline - qualmende Schornsteine und riesige Erdöltanks machten deutlich, dass der Tourimus hier nur eine untergeordnete Rolle spielen konnte. Aber wir waren müde von der langen Fahrt und hungrig nach Sonne, und so legten wir uns auf den leeren Strandabschnitt und wollten den Rest des Tage in Ruhe faulenzen und nichts tun.

Mitten auf dem Strand stand ein großer runder mobiler Langnese-Verkaufspavillon, der zumindest angesichts der zu diesem Zeitpunkt anwesenden Badegäste (zwei) völlig überdimensioniert und fehl am Platze war. Dies sah wohl auch der Eisverkäufer, einer dieser typischen jungen körperfixierten italienischen Saisonarbeiter, die bereits den ganzen Sommer (und wahrscheinlich auch den vorherigen und vorvorherigen) am Meer verbracht hatten und gegen die man mit seiner eigenen käsigen Weiße und Bauchansatz ziemlich alt aussah. Dieser Adonisversatz saß also lässig, um nicht zu sagen sehr lässig auf der Verkaufstheke und wartete auf den Sonnenuntergang, neue alleinstehende ausländische Touristinen, seinen Gehaltsscheck oder auf das Ende der Welt. Ich fand alles scheiße, den Typen, seinen Eiswagen, den Zeltplatz ohne Schatten, den dreckigen Strand mit der beschissenen Aussicht auf die Fabrikschornsteine und Öltanks, mit einem Wort:alles!! - bis der Eisverkäufer in seinem überdimensionierten Eiswagen seinen überdimensionierten Ghettoblaster aufdrehte.

Und hier endet das Klischee, denn es ertönte nicht irgendein italienischer Schmachtfetzen, wie ich es erwartet und befürchtet hatte, sondern Clandestino von Manu Chao. Und danach Desaparecido, Bongo Bong, Je Ne T'Aime Plus und die komplette Platte.



...und mit einem Mal veränderte sich alles.

(Fortsetzug folgt)



Mittwoch, 26. August 2009
Beim ersten Hören bin ich überrascht, aber skeptisch. Die Musik entspricht nicht unbedingt meinen musikalischen Vorlieben. Aber da ist etwas, was mich sofort anfixt. Also wird die Platte noch mal gehört. Die ersten Songs klingen nicht mehr so überraschend anders als beim ersten Hören, behalten aber ihren eigentümlichen Zauber und Reiz. Nicht alles gefällt mir, einige Songs klingen zu stark nach Folklore und Country und zünden nicht - noch nicht. Denn beim dritten, vierten oder inzwischen zwölften kompletten Durchhören der Platte bin ich endgültig geschlagen. Die CD "Le Pop" wird mich definitiv die nächsten Tage und Wochen (Monate?) intensiv begleiten.

Die Rede ist von dem norwegischen Frauenquartett "Katzenjammer", die mit ihrer kruden Mischung aus Folk, Country, Akustik-Balkan-Punk und was auch immer meine angestammten Hörgewohnheiten gerade gehörig auf den Kopf stellen. Ihre Musik hat was von einem sehr guten Rotwein - mit jedem Schluck schmeckt man neue Geschmacksknospen, die zunächst verborgen waren und sich nach und nach offenbaren. Mal "schmeckt" die Musik ein wenig nach Chumbawamba, dann entdeckt man plötzlich Ähnlichkeiten mit Rupa & the April Fishes oder Babylon Circus, um dann Assoziationen mit The Be Good Tanyas, B52s oder Des+Karadas zu wecken. Mal abgesehen von Gogol Bordello, die man auch immer mal wieder vor dem geistigen Ohr ganz weit hinten zu hören glaubt. Und mit jedem Hören entdeckt man neue Parallelen, kommen neue Assoziationen hinzu, bis man irgendwann nur noch vollkommen trunken und selig ist. Da kommt dann das letzte Stück der Platte genau richtig, welches Janis Joplin nicht besser hätte singen können - allerdings wäre sie nie auf eine so originelle Instrumentierung ihrer Songs gekommen.

Denn neben der ungemeinen Bandbreite an musikalischen Stilen nutzen die vier Norwegerinnen auch viele und nicht unbedingt gewöhnliche Instrumente für ihre musikalisches Kunstwerk. Bass-Balalaika, Klavier, Banjo, Mandolie, Akkordeon, Trompete - irgendwo sollen auch Keksdosen zum Einsatz gekommen sein - erzeugen einen wunderbar schrägen und spritzigen Sound, der fast immer perfekt passt.

Inzwischen bin ich beim vierzehnten Durchhören der CD angelangt und immer noch völlig aus dem Häuschen. Mag sein, dass ich inzwischen schon zu viel von dem wundervollen musikalischen Nektar genascht habe und morgen mit einem dicken Kater (sic - dabei wollte ich mir jedes Wortspiel mit dem Bandnamen verkneifen)) aufwache, aber heute Abend heisst mein (und das meiner Nachbarn) Schicksal "Katzenjammer" und "Le Pop"

Und was das Beste ist. Im September ist die Band auf Deutschlandtournee (Daten auf der myspace-Seite) und kommt auch nach Köln. Ich bin sehr gespannt auf die vier Damen mir ihren bunten Sommerkleidchen......

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Foto: stinker auf flickr




Dienstag, 25. August 2009
Es gibt sie ja, die Geschichten über Menschen, die in Ihrer Jugend als die Rebellen par excllence gelten und dann irgendwann plötzlich den Sprung ins "Bürgerliche" vollziehen. Und erzeugen damit auch immer ein ungutes Gefühl bei denen, die sie in der Rebellion zurücklassen und die diese Abkehr oft als Verrat an den gemeinsamen Ideen ansehen.

Einer dieser Menschen ist Giovanni Pellino, der in den Achtigern als Drummer in verschiedenen italienischen Hardcore und Punkbands spielte, unter anderem bei den damals im italienischen Underground recht bekannten Band Negazione. 1992 löste sich die Band auf und der Drummer wechselte komplett seine musikalischen Präferenzen und machte fortan in HipHop. Dabei war der HipHop in Italien (viel stärker als in Deutschland) eine Musikrichtung, die in autonomen Zentren (Centri Sociali) entwickelt und geprägt wurde. Zwar gab es auch Bands und Interpreten wie Jovanotti oder Articolo 31, die einen kommerziell geprägten Rap a la Fanta4 fabrizierten, aber die linken Untergrundbands waren viel präsenter als hierzulande. Eine dieser Bands waren die Isola All Star Posse, die in Bologna entstanden und mit "Stop al panico" eine der ersten Hymnen der italienischen Rapszene einspielten.



Nach dieser Platte war schon Schluss für die Formation -aber nicht für die Mitglieder, denn aus den Isola All Stars entstanden einmal die apulischen Ragga-Pioniere von Sud Sound System und Neffa alias Giovanni Pellino gründete mit Deda und DJ Gruff die Formation Sangue Misto.

Auch Sangue Misto war kein sonderlich langlebiges Projekt - aber doch wieder ein ziemlich Bedeutendes. Ihr einziges Album SXM gilt heute als eines der wichtigsten Alben in der italienischen HipHop-Geschichte (wobei sich mir diese Bedeutung nie so recht erschlossen hat - was aber auch daran liegen kann, dass ich die Platte erst viel später zu hören bekam)

Sangue Misto löste sich auf und Neffa ging fortan musikalisch eigene Wege. Und wieder hat er ein äusserst glückliches Händchen bei der Aufnahnme seines ersten Solo-Albums. Mit "Neffa & I messaggeri della dopa" wirkte er ein weiteres Mal stilprägend für die italienische HipHopSzene. Die Platte führte konsequent den mit Sangue Misto eingeschlagenen Weg fort und legte den Wert nicht auf extrem wortgewandte Reime, sondern auf eine möglichst harmonische Verbindung von Sprechgesang und Musik.



Doch der damals bescheidene kommerzielle Erfolg war Neffa zu wenig und in der Folge wechselte er erneut seinen Musikstil - von Rap und HipHop zu RnB und Pop. Das brachte ihm nicht nur neue Fans ein, viele seiner alten Weggefährten und Fans waren entsetzt darüber, wie Neffa sich plötzlich dem Establishment annäherte und seine Songs auf mega-kommerziellen Veranstaltungen wie Festivalbar oder dem Schlagerfestival von San Remo präsentierte. Auch hatte er scheinbar keine Probleme damit, seinen (stark in Poesie verpackten) Antikriegssong "Cambiera" (Lyrics siehe hier) in einem deutschen Werbespot für ein alkoholisches Getränk "missbrauchen" zu lassen.

Mein Verhältnis zu Neffa war immer zwiegespalten. "I messaggeri della Dopa" war für mich der Inbegriff des modernen italienischen HipHops und ich habe diese Platte geliebt. Die nachfolgenden Alben habe ich dann als zunehmend kitschig empfunden, doch gab es immer zwei oder drei oder vier Stücke, die einfach klasse waren und die ganze CD rausgehauen haben. Ob "La mia Signorina" oder "Ti Perderò" auf "Arrivi E Partenze" oder "Prima Di Andare Via" oder "Lady" auf "I Molteplici Mondi" - da war und ist mein kleines italophiles Herz einfach wehrlos. Mögen die Songs auch manchmal etwas schmalzig daherkommen, mir gefiel es und deshalb war ich auch (fast) immer zur Stelle, wenn Neffa mal wieder ein Album herausbrachte. Wie auch dieses Mal wieder, denn mit "Sognando Contromano" ist vor wenigen Wochen sein allerneuestes Werk erschienen.

Doch dieses Mal habe ich nichts gefunden, was die Platte irgendwie rausreissen könnte. Stattdessen 45 Minuten gepflegter Italopop ohne größere Ecken und Kanten und damit eine in meinen Augen ziemlich überflüssige Platte. Schade......

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Freitag, 21. August 2009
Bereits seit längerer Zeit liegt hier eine DVD des Dokumentarfilms "Dub Echoes" fast vergessen herum. Gestern wurde ich durch den Soulblog wieder daran erinnert. Und weil man bei dem Wetter nichts tun konnte, als langsam zu zerfliessen, bot es sich an, zur Abwechslung mal bei Dubklängen zu schwitzen.

"Dub Echoes" ist ein Werk des brasilianischen Regisseurs Bruno Natal über den Dub - seine Geschichte, seine bedeutendsten Protagonisten, seine Auswirkungen auf andere Musikrichtungen und und und. Man erfährt, wie der Dub entstanden ist, wie ihn die ersten Heroen wie z.B. King Tubby und Lee Perry mit einfachsten Mitteln weiterentwickelt haben, wie er nach England kam, welchen Einfluss er auf Musikrichtungen wie Punk oder Drum 'n Bass hat und wie er inzwischen weltweit Einzug in die jeweilige Musikszene gehalten hat - und vieles mehr.
Neben einigen schönen Bildern wie beispielsweise Aufnahmen aus einem alten Presswerk auf Jamaika oder das wüste Durcheinander in einem Plattenstudio kommen in dem Film hauptsächlich Musiker und dem Dub verbundene Journalisten zu Wort und erzählen ihre Sicht der Dinge. Das ist mal witzig, mal spannend und fast immer interessant - wenn man nicht wie ich häufig gewisse Schwierigkeiten hat, der stark pidgingefärbten Aussprache vieler Protagonisten zu folgen.

Schwerwiegender ist aber das Manko, viel zuwenig Musik in dem Film hören zu können. Nur zu selten ertönt das, worum es in dem Film eigentlich geht - tiefe Basslinien, verfremdete Instrumente, Hall, Echo und hypnotische Wiederholungen - eben DUB. Und deshalb ist "Dub Echoes" zwar ein guter und interessanter Film geworden, aber leider nicht der ultimative Knaller, der jeden Zuschauer erstmal zu einem tiefen Dub-Fan macht.

Der Teaser zu dem Film ist dazu schon eher geeignet.......

Foto 1: meneldor auf flickr
Foto 2. phil-jackson auf flickr




Freitag, 7. August 2009
Die in den letzten Jahren immer häufiger vorkommende Unsitte, "alte" Bands wieder zu revivaln und dann mit viel Getöse auf Tour zu schicken, finde ich ja grundsätzlich ziemlich bescheuert. Welchen Sinn macht das, alten Männern (und vereinzelt auch Frauen) dabei zuzusehen, wie sie verzweifelt versuchen, ihre zunehmend eingeschränkten Sanges- und Bewegungskünste auf einer überdimensionierten Bühne zu präsentieren. Das vor einem Publikum, welches weniger an einem schönen Konzert interessiert ist, sondern viel häufiger den "guten alten Zeiten" hinterher hechelt...

Dagegen ist ja grundsätzlich nichts einzuwenden, wenn es inzwischen nicht so unglaublich viele "überflüssige" Comebacks geben würde. Darüber hinaus werde ich das Gefühl nicht los, dass diese Reunionwelle das Ergebnis des seit Jahren sich immer weiter durchsetzenden Dudelfunks in den Radioanstalten ist. Neue Bands werden nur in homöopathischen Dosierungen ins Programm eingebaut, den Schwerpunkt bildet Musik vergangener Dekaden. In meiner Heimatstadt findet seit Jahren ein kleines kostenloses Open-Air-Fest in der Innenstadt statt. Angesichts des kleinen Etats und des Anspruchs, möglichst viel Publikum zu dem "Festival" zu locken, hat es selten großartige musikalische Experimente seitens der Veranstalter gegeben - aber es gab immer viele Bands, die sich bemühten, gute Musik zu machen und die hier eine große Bühne zur Präsentation ihrer Fähigkeiten bekamen. Inzwischen ist das Programm zu einem Schaulaufen unterschiedlichster Coverbands verkommen - und die spielen in erster Linie alles was älter als 20 Jahre alt ist..... - grausam......

Eine solche Ansicht über den Reunion-Boom fiel mir in der Vergangenheit nicht sonderlich schwer, gehörten Bands und Zielgruppe doch meist zu einer älteren Zielgruppe, bzw. repräsentieren eine Musikrichtung, die mir immer schon Ar.. vorbeiging.

Doch inzwischen hat die Comeback-Welle auch Bands erreicht, die meine eigene musikalische Biografie maßgeblich geprägt haben. Und plötzlich mischt sich in den Ärger und Belustigung über das die eigene Jugend suchende Publikum auch ab und zu der Wunsch, gewisse Revival-Konzerte gerne miterleben zu wollen.

Besonders ausgeprägt ist der Neid gegenüber den vielen englischen Fans, die anlässlich des 30. Geburtstages von The Specials die Gelegenheit hatten, die Jubiläumstour zu besuchen.
Der Spreeblick hat vor fast einem halben Jahr schon darüber berichtet und ich habe damals schon schwer gelitten. Vor einigen Wochen hat dann die Sunday Times exklusiv für ihre Leser in ihrer Ausgabe eine Live-CD eines Konzerts der Specials in Brixton beigelegt.



Nun ist (glücklicherweise) in den Zeiten des Internets nichts mehr wirklich exklusiv und so kann man mit ein wenig Glück und den richtigen Suchbegriffen entweder an die CD oder an die entsprechenden mp3-Tracks gelangen. Und mit noch etwas mehr Glück findet man noch 4 Bonustracks, die sich nicht auf der CD befinden, aber in gleicher Qualität auf dem Konzert in Brixton aufgenommen wurden.

Das Hören der CD hat meinen Neid auf die britischen Konzertbesucher noch einmal deutlich erhöht. Die Qualität des Mitschnitts ist hervorragend und fast alle der großen Hits der Band sind zu hören. Und die Band spielt, ja zelebriert ihren Rude-Boy-2-Tone-Ska derart geschmeidig und druckvoll, dass man wahrscheinlich gerne die Bandscheibenvorfälle und Kniebeschwerden der letzten Jahre vergißt, sich mit Bier in Plastikbechern zuschüttet und 2 Stunden nur noch singt, gröhlt, springt und hüpft und irgendwann hofft, dass der nächste Morgen mit Kopfweh und Muskelkater niemals kommen möge......
Da ist es auch nicht sonderlich tragisch, wenn einer der alten Bandmitglieder dieses Mal nicht dabei ist. Der Keyboarder Jerry Dammers hat sich mit viel Getöse der Reunion verweigert und bleibt den umjubelten Konzertauftritten fern. Das ist zwar schade, denn Jerry Dammers war damals einer der prägenden Köpfe der Band und des 2-Tone-Ska. Aber "Who needs keyboard players anyway" so wichtig er für die Entwicklung der Band damals war, sein jetziges Fehlen ist gut zu verschmerzen, da seine musikalische Präsenz nie so bedeutend war wie die von Neville Staples oder Terry Hall.

Viel schlimmer als das Fehlen von Jerry Dammers ist für mich die Tatsache, dass die Band (noch) nicht nach Deutschland kommen. Und ich weiß nicht, ob die CD ein Trost für das verpasste Liveerlebnis ist oder ob die Platte die Enttäuschung, The Specials nie live erlebt zu haben, noch vergrößert....

Es ist auf jeden Fall eine verdammt gute CD!

The Specials Homepage


Fotos: wonker auf flickr





Mittwoch, 5. August 2009
Bayrische Volksmusik war für mich in der Vergangenheit keine Musik im eigentlichen Sinne, sondern eher eine Aneinanderreihung von nervenden Geräuschen. Mag sein, dass es mit schädlichen Einflüssen in meiner Kindheit zu tun hat - aber deutsche Volksmusik habe ich immer als nur schwer zu ertragenden Schrott empfunden. Das hat sich auch nicht geändert, als ich mich zunehmend für Weltmusik zu interessieren begann - deutsche Interpreten, die heimisches Liedgut in welcher Form auch immer bearbeiten, sind bis auf wenige Ausnahmen in meiner Plattensammlung nicht vertreten.

Eine dieser Ausnahmen ist das Debut der bayrischen Band LaBrassbanda, welches ich vor einigen Wochen hören durfte und mich ziemlich begeistert hat. Diese Mischung aus bayrischer Blasmusik, Brass, Ska und noch vielem mehr ist genau das, was ich mir unter "deutschem Mestizo" gerne vorstellen möchte. Endlich mal nicht dieser kommerziell verpoppte Musikantenstadl, sondern groovender krachledernder Blasmusikpunk....

Als ich dann vor einigen Wochen die Werbeankündigung des Samplers "Obacht! – Musik aus Bayern" überflog, hoffte ich auf eine ähnliche Glanzleistung, wie sie LaBrassbanda geleistet haben. Veröffentlicht wird die CD von Galileo, die sich bisher schwerpunktmäßig mit dem Vertrieb von spanischer Musik einen Namen gemacht haben - unter anderem haben sie Platten der von mir sehr geschätzten La Papa Verde oder La Pegatina herausgebracht. Die Kritiken der versammelten Rezensenten war weitgehend voll des Lobes, man schrieb, dass auf der Platte "kraftvoll, schmissig und mit rauen, aber hörbar geübten Stimmen" gesungen wird und sie geeignet sei, "Vorurteile gegenüber alpiner Volksmusik abzubauen bzw. Berührungsängste mit ihr zu nehmen" Also denkbar gute Voraussetzungen für eine gute und hörenswerte Platte....

Leider erfüllte sich meine Erwartung überhaupt nicht. Denn das, was ich dort zu Hören bekam, war schlicht und ergreifend traditionelle bayrische Volksmusik. - und damit für mich nur schwer zu ertragen. Zwar erkenne ich durchaus einige Unterschiede zwischen der Musik auf "Obacht!" und den kommerzialisierten volkstümlichen Schlagern, die man im öffentlich-rechtlichen Fernsehen bei den entsprechenden Sendungen vorgesetzt bekommt und was dort als authentische Volksmusik verkauft wird. Aber beim Hören der Platte erwarte ich jeden Moment, dass Caroline Reiber oder Herr Silbereisen auftauchen und was von "pfundige Buabn" brüllen und dann als nächsten Gast Marianne und Michael ankündigen.und alle (mich eingeschlossen) zum zünftigen Mitschunkeln einladen. Das ist dann der Zeitpunkt, an dem ich schnellstmöglichst eine andere Platte auflege....

Infolge dessen habe ich es bisher auch nicht geschafft, die Platte auch nur einmal komplett zu hören. Mir fehlt leider die Unvoreingenommenheit, die Geduld, das Ohr oder was auch immer, um die Unterschiede zwischen echter Volksmusik und Musikantenstadl entsprechend würdigen und anerkennen zu können.

"Obacht! – Musik aus Bayern" ist vielleicht eine interessante Quelle für Freunde ethnologischer Musikentdeckungen, ich kann damit leider nur wenig (noch) nichts anfangen...

Foto. Quasimondo auf flickr



Montag, 20. Juli 2009
Ich glaube, der erste Konzerttipp in diesem Blog vor inzwischen 28 Monaten war für einen Auftritt der katalanischen Band La Troba Kung-Fu. Leider konnte ich damals weder ihr Konzert im Kölner Stadtgarten noch im Bahnhof Langendreer in Bochum sehen. Ein Umstand, den ich sehr bedauert habe, war ich doch von den musikalischen Ergüssen der Band sehr angetan und gespannt, ob und wie man das live umsetzen kann. Leider ergab sich in der Folgezeit nie die Gelegenheit, das Versäumte noch nachzuholen, so dass ich schon befürchtete, die Band in die lange Liste mit Gruppen, die ich leider nie mehr live sehen kann, einreihen zu müssen.
Doch jetzt gibt es gleich zweifach die Chance, La Troba Kung-Fu's Livequalitäten zu begutachten. Zum einen kommt die Band im Herbst erneut nach Deutschland (Termine stehen meines Wissens noch nicht fest), zum anderen gibt es jetzt einen  Livemitschnitt von einem Konzert in Utrecht auf CD. "Rumba at Ernesto's heißt die Platte, die auf den Konzerten der Band verkauft wird, aber dennoch vereinzelt per Internet bestellt werden kann.

Das, was die Band da ihren Zuhörern in Utrecht geboten hat, ist wirklich vom Allerfeinsten. Treibende Rumba catala, vermischt mit Cumbia und/oder Reggae und anderen Stilen. Verantwortlich für den äußerst geschmeidigen Sound ist Joan Garriga, der als Kopf der legendären Band Dusminguet Musikgeschichte geschrieben hat und eine der stilprägenden Band der musikalischen Mestizo-Bewegung gewesen ist. Und auch die Begleitband ist in ihrer Biographie ein einziges "Who is who" der katalanischen Musikszene - haben sie doch in der Vergangenheit in Bands wie Ojos de Brujo, Macaco, Jarabe de Palo oder Wagner Pa gespielt.

La Troba Kung Fu heißt übersetzt soviel wie nach der Fertigkeit zu suchen, die man sich durch harte und kontinuierliche Anstrengung erarbeitet - und diese Philosophie merkt man der Live-CD auch deutlich an. Denn im Vergleich zum Studiodebut "Clavell  Morenet" (welches wahrlich nicht schlecht ist) stellt "Rumbia At Ernesto's" noch einmal einen Qualitätssprung dar. Man spürt, dass die Band im Laufe der Zeit immer weiter am Rhythmus der Liedern gefeilt hat, um die einzelnen Songs noch besser werden zu lassen. Und, auch das steht nach mehrmaligem Hören von "Rumbia At Ernesto's " für mich zweifelsfrei fest, La Troba Kung-Fu ist eine jener Bands, die gerade Live viel besser ihre Songs transportieren können als in jedem Studio der Welt. Insofern gehört der Besuch eines Konzerts von La Troba Kung-Fu (sofern möglich) und der anschließende Kauf der CD "Rumbia At Ernesto's " zum Pflichtprogramm.

Wenn man dann das Ergebnis mit der Studio-CD vergleichen will oder sich mit dem Hören von "Clavell  Morenet" schon mal auf den Livegenuss vorbereiten will - auf ihrer Homepage stellen La Troba Kung-Fu ihre Debut CD (inklusive des wunderbaren Booklets) als auch ein kleines Remix-Album kostenlos zum Download bereit.

"Rumbia at Ernesto's" ist eine absolut hörenswerte Platte...

La Troba Kung-Fu Homepage
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Foto: albadanes auf flickr




Donnerstag, 16. Juli 2009
Vor einigen Monaten hatte ich etwas vorschnell die Polka als den neuen Weltmusiktrend ausgerufen. Grund dafür waren unter anderem verschiedene Schnipsel, die ich von der Berliner Gruppe Polkaholix und deren zweitem Album "The Great Polka Swindle" vernommen hatte.

Diese Euphorie verflog dann etwas, als ich die Platte erstmals (virtuell) in Händen hielt und komplett hören konnte. Zwar gab es einige schöne Coverversionen wie z.B. Rio Reisers "Alles Lüge" oder "Das Modell" von Kraftwerk, aber auch Bearbeitungen ziemlich traditioneller Polkanummern. Und traditionelle Polka ist für mich eine ganz schwierige Musik. Der Rhythmus ist so einfach und bieder, dass er von den Honoratioren im Festzelt auch nach x-Bieren noch mit Anstand absolviert werden kann. Mir treibt diese Musik in der Regel die Tränen in die Augen, insbesondere dann, wenn mir Bekannte mit dem Brustton der Überzeugung versichern wollen. dass sie eigentlich nicht auf diesen Rhythmus stehen, diese aber zum Feiern vorzüglich geeignet wäre.

Diese unglückselige Verknüpfung von eigenen Erfahrungen und Erinnerungen beim Hören der Musik von "The Great Polka Swindle" bedeuteten erst einmal den Knockout für die Polkaholix in meiner persönlichen Bestenliste....

Nun gibt es dem Herrn Jobs (der von Apple) sei Dank inzwischen so praktische Dinge wie einen Ipod mit riesigen Speichern, auf denen sich dann manchmal bereits aussortierte Platten verstecken können und dann irgendwann aus heiterem Himmel wieder auftauchen.
Und so kam es, dass ich irgendwo auf dem Weg von Köln nach Freiburg die Platte erneut hörte - und dieses Mal gab es keine überhohen Erwartungen, die enttäuscht werden konnten. Zwar finde ich die traditionellen Nummern immer noch nicht prickelnd, aber die meisten anderen Stücke gewinnen mit jedem Hören. Das gilt insbesondere für die Bearbeitungen alter Berliner Gassenhauer wie das allgemein bekannte "Bolle" oder "Bel Ami", die angenehm überraschen und überzeugen. Überstrahlt wird das alles aber von der Coverversion von Ideals "Berlin" - eine Version, die mich immer noch vor Begeisterung strahlen lässt.

Der Titel "The Great Polka Swindle" ist natürlich auch eine Remeniszens an die Clash-Platte "The Great Rock 'n Roll Swindle." Und der Vergleich mit dem Klassiker der Punkgeschichte ist natürlich gewagt, aber durchaus berechtigt. Denn Polkaholix spielen eine verschärfte Art der Polka. Ihr Tempo ist ungemein hoch, die Bläser knallen richtig rein und sind höllisch schnell, doch dabei immer gestochen scharf. Man möchte die Musik als Akustik-Blasmusik-Punk oder -Rock bezeichnen und vergisst dabei häufig (leider nicht immer), dass es sich dabei eigentlich um einfache Polka handelt.....

"The Great Polka Swindle" hat einige wenige Tiefen, aber viele außergewöhnliche Höhen und ist damit eine interessante und selten gute Platte geworden. Zwar wird die Polka bei mir wahrscheinlich keine große Zukunft haben, dass liegt aber nicht an den Polkaholix. Im Gegenteil.....

Polkaholix Homepage
Polkaholix auf myspace

Foto: WitekKurowski auf flickr




Inzwischen gibt es auch ein "richtiges" Video von den polkaholix. Leider gehört der Song "Spare-Ribs" (nicht auf der CD enthalten) für mich eher nicht zu den Höhepunkten ihres Schaffens (obwohl das auch daran liegen kann, dass der Song so penetrant im Ohr hängen bleibt und ich einen halben Tag damit verbracht habe, das Lied ständig zu pfeifen, summen oder gar (leise) zu singen. Eine Erfahrung, die ich nicht noch mal haben muss....)



Sonntag, 5. Juli 2009
Es gibt eine gute und eine schlechte Nachricht.

Die schlechte zuerst: Go Lem System haben sich aufgelöst.
Als ich das erfahren habe, war ich schon recht bestürzt und etwas traurig, gehörten Go Lem System doch für mich zu den musikalisch ansprechendsten Bands aus dem Mestizo-Schmelztiegel Barcelona. Ihre Musik, die im übrigen auf ein Schlagzeug verzichtet hat und nur mit Rhythmuscomputer (auch live) zustande kam, war in meinen Augen Ohren immer eine äußerst gelungene Mischung verschiedener Einflüsse zu einem stimmigen neuen Sound - gewissermaßen Mestizo at his Best. Warum die Band, die sich übrigens schon in Argentinien gegründet hatte, jetzt nur noch Geschichte ist (und angesichts ihres doch recht geringen Bekanntheitsgrades auch nur eine kleine Randnotiz in der Musikhistorie), entzieht sich meiner Kenntnis. Wahrscheinlich das Übliche.....

Jetzt die gute Nachricht: Es gibt jetzt Planeta Lem.
Die Band, die aus mehreren Mitgliedern des alten Go Lem System besteht, führt den musikalischen Stil ihres "Vorgängers" so konsequent weiter, dass man sich fragt, warum diese Umbenennung denn jetzt unbedingt nötig war. Dem Hörer von "Abre la Boca", so heißt das "Debut" der Band, übernimmt wirklich alle charakteristischen Merkmale des Go Lem Systems - die treibende Drum-Linie (die aber hier von einem menschlichen Drummer eingespielt wird), die akzentuierte Gitarre und die Stimme des alten und neuen Sängers Aleko Capilouto. Nur ganz selten verändert sich der Sound ein wenig, wenn z.B. wie im Song "Creo en ella" die Gitarre Auslauf bekommt und dies reichlich ausnutzt, aber spätestens beim nächsten Song ist alles wie gewohnt.
Ich hatte die Platte nach ein- oder zweimaligen Anhören erst mal wieder weggelegt und dann nach einigen Wochen wieder rausgekramt - und mich dann beim Hören ständig gefragt, ob das gerade laufende Lied nicht schon auf einer älteren Platte zu hören war. War es nicht, aber die Songs von Planeta Lem und Golem System klingen schon ziemlich gleich.

Normalerweise müsste ich etwas enttäuscht sein, nur einen Klon unter einem neuen Namen zu hören. Aber da Go Lem System schon immer zu meinen Lieblingsbands gehörten, kann ich dem alten Wein in neuen Schläuchen durchaus auch etwas positives abgewinnen. Und so gehören Go Lem System oder Planeta Lem zu den wenigen Bands, die sich nach meiner Meinung nicht unbedingt weiterentwickeln müssen. Wenn sie alle paar Jahre eine Platte mit neuen Songs unter welchem Namen auch immer herausbringen, bin ich zufrieden.....

Planeta Lem auf myspace
Foto: interprete_desconocido für flickr