Dienstag, 19. Februar 2008
Eigentlich wollte ich ja eine Rezension zu dem Album "Nuovo girno" der Villa Ada Crew aus Rom schreiben. Die Platte gefällt mir ausnehmend gut und hätte sicherlich mehr HörerInnen und KäuferInnen verdienst. Doch leider gibt es nur wenige Infos über die Band und noch weniger Ton und Bildbeispiele- auf myspace findet man nur ein Lied und YouTube liefert nur Live-Mitschnitte mit grauenhaftem Bild und Ton - so dass ich schweren Herzens auf eine kritsche Würdigung des Albums verzichte.

Aber die Versuche einer Recherche sollen nicht ganz umsonst gewesen sein, also mache ich mich an eine Rezension des Albums "Amore vero" von Brusco, der lange Zeit Mitglied und MC in der Villa Ada Crew gewesen ist.

Italienischer Reggae ist hier in Deutschland relativ unbekannt, kann aber schon auf eine lange Tradition zurückblicken und hat sich inzwischen in eine eigene, spezielle "Italienische" Richtung entwickelt. Charakteristisch für Reggae aus Italien ist die Sprache - sehr viele Bands und Soundsysteme singen auf italienisch oder in einem regionalen Dialekt - und insbesondere im Dancehallbereich die stärkere Fokussierung auf Melodien statt auf virtuose Übergänge oder Mixes.

Reggae in Italien war immer ein Bestandteil der autonomen sozialen Bewegungen in Italien. Als in den neunziger Jahren im ganzen Land unzählige Häuser und Fabrikhallen besetzt und zu sozialen Zentren umfunktioniert wurden, entstanden in vielen der "Centri sociali" Bands und Soundsysteme, die sich als musikalisches Sprachrohr der Bewegung ansahen und entsprechend politisierte Musik machten. Während im Norden eher Rap und HipHop als musikalischer Träger für die Botschaften benutzt wurde(Isola Posse / Sangue Misto /Red Horse Posse) bevorzugten Gruppen aus dem Süden eher Reggae und Dancehall (99 Posse / Sud Sound System). In Rom als Hauptstadt und Bindeglied zwischen Nord und Süd bildeten sich beide Richtungen zu anerkannten Vorreitern der Szene. Assalti Frontali sind seit 1990 (damals unter dem Namen Onda Rosse Posse) eine der besten und bekanntesten HipHopformationen innerhalb der autonomen Szene und die Villa Ada Crew und Radici nel Cemento gehören zu den bekannteren Reggae/Dancehall Formationen am Stiefel. Die starke Politisisierung machte es erforderlich, die Botschaften auf Italienisch zu singen, es wäre Unsinn, den potenteillen Zuhörern, die mangels Tonträger die Songs oft nur einmal (live) erlebten, mit fremdsprachlichen Gesang zu konfrontieren. Heute ist von der Politisierung der Gesellschaft nicht mehr soviel übrig geblieben und die ehemaligen Sprachrohre der Bewegung widmen sich auch anderen Themen wie z.B. der wahren Liebe ("Amore vero") - aber weiterhin auf italienisch...

Brusco war einer der Mitbegründer der Villa Ada Crew im Jahre 1991. Damals noch unter dem Namen Papa G, avancierte er zu einer der führenden MCs in der italienischen Reggaeszene. Im Jahre 2000 verließ er die Crew und startete eine Solokarriere. Vor einiger Zeit ist mit "Amore vero" seine dritte CD erschienen.

Was mir an der Paltte von Brusco gefällt, ist die ungewöhnlich poppige Gestaltung der Tunes. Gerade mich, der mit jamaikanischen Dancehall nicht soviel anfangen kann, lassen Songs wie "Sangue", "Amore vero" verzückt mit den Füßen wippen (und wenn ich mich unbeobachtet fühle, meine Hand rhythmisch schwingen). Das ist kein Pop im klassischen Sinne, sondern eher eine stärkere Betonung der Melodien im Reggae/dancehall. Was mir beim jamaikanischen Dancehall überhaupt nicht gefällt, ist diese Splittung in entweder martialischen Sounds oder kitschigen Ausflügen in das RnB-Genre. Die Sachen, die ich aus Italien kenne, liegen da angenehm irgendwo in der Mitte. Aber vielleicht liegt meine Vorliebe für Brusco auch nur an der italophilen Seite meines Ichs.....

Foto: Brusco Homepage

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So ganz will ich aber die CD "Nuovo Giorno" von der Villa Ada Crew nicht unter den Tisch fallen lassen, zumal mir deren Album noch etwas besser gefällt. Wem also Brusco gefällt, sollte sich unbedingt auch mal näher mit der Villa Ada Crew auseinandersetzen. Nette Riidims und verschiedene Stimmen (unter anderem auch wieder mit Brusco) sorgen für vielseitigeren Sound. Insbesondere die unaufgeregte Stimme von Ginko sorgt für angenehmes Reggae-Feeling. Für mich ist das Album eine der schönsten Dancehall-Platten der jüngeren Vergangenheit.......

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