Die in den letzten Jahren immer häufiger vorkommende Unsitte, "alte" Bands wieder zu revivaln und dann mit viel Getöse auf Tour zu schicken, finde ich ja grundsätzlich ziemlich bescheuert. Welchen Sinn macht das, alten Männern (und vereinzelt auch Frauen) dabei zuzusehen, wie sie verzweifelt versuchen, ihre zunehmend eingeschränkten Sanges- und Bewegungskünste auf einer überdimensionierten Bühne zu präsentieren. Das vor einem Publikum, welches weniger an einem schönen Konzert interessiert ist, sondern viel häufiger den "guten alten Zeiten" hinterher hechelt...

Dagegen ist ja grundsätzlich nichts einzuwenden, wenn es inzwischen nicht so unglaublich viele "überflüssige" Comebacks geben würde. Darüber hinaus werde ich das Gefühl nicht los, dass diese Reunionwelle das Ergebnis des seit Jahren sich immer weiter durchsetzenden Dudelfunks in den Radioanstalten ist. Neue Bands werden nur in homöopathischen Dosierungen ins Programm eingebaut, den Schwerpunkt bildet Musik vergangener Dekaden. In meiner Heimatstadt findet seit Jahren ein kleines kostenloses Open-Air-Fest in der Innenstadt statt. Angesichts des kleinen Etats und des Anspruchs, möglichst viel Publikum zu dem "Festival" zu locken, hat es selten großartige musikalische Experimente seitens der Veranstalter gegeben - aber es gab immer viele Bands, die sich bemühten, gute Musik zu machen und die hier eine große Bühne zur Präsentation ihrer Fähigkeiten bekamen. Inzwischen ist das Programm zu einem Schaulaufen unterschiedlichster Coverbands verkommen - und die spielen in erster Linie alles was älter als 20 Jahre alt ist..... - grausam......

Eine solche Ansicht über den Reunion-Boom fiel mir in der Vergangenheit nicht sonderlich schwer, gehörten Bands und Zielgruppe doch meist zu einer älteren Zielgruppe, bzw. repräsentieren eine Musikrichtung, die mir immer schon Ar.. vorbeiging.

Doch inzwischen hat die Comeback-Welle auch Bands erreicht, die meine eigene musikalische Biografie maßgeblich geprägt haben. Und plötzlich mischt sich in den Ärger und Belustigung über das die eigene Jugend suchende Publikum auch ab und zu der Wunsch, gewisse Revival-Konzerte gerne miterleben zu wollen.

Besonders ausgeprägt ist der Neid gegenüber den vielen englischen Fans, die anlässlich des 30. Geburtstages von The Specials die Gelegenheit hatten, die Jubiläumstour zu besuchen.
Der Spreeblick hat vor fast einem halben Jahr schon darüber berichtet und ich habe damals schon schwer gelitten. Vor einigen Wochen hat dann die Sunday Times exklusiv für ihre Leser in ihrer Ausgabe eine Live-CD eines Konzerts der Specials in Brixton beigelegt.



Nun ist (glücklicherweise) in den Zeiten des Internets nichts mehr wirklich exklusiv und so kann man mit ein wenig Glück und den richtigen Suchbegriffen entweder an die CD oder an die entsprechenden mp3-Tracks gelangen. Und mit noch etwas mehr Glück findet man noch 4 Bonustracks, die sich nicht auf der CD befinden, aber in gleicher Qualität auf dem Konzert in Brixton aufgenommen wurden.

Das Hören der CD hat meinen Neid auf die britischen Konzertbesucher noch einmal deutlich erhöht. Die Qualität des Mitschnitts ist hervorragend und fast alle der großen Hits der Band sind zu hören. Und die Band spielt, ja zelebriert ihren Rude-Boy-2-Tone-Ska derart geschmeidig und druckvoll, dass man wahrscheinlich gerne die Bandscheibenvorfälle und Kniebeschwerden der letzten Jahre vergißt, sich mit Bier in Plastikbechern zuschüttet und 2 Stunden nur noch singt, gröhlt, springt und hüpft und irgendwann hofft, dass der nächste Morgen mit Kopfweh und Muskelkater niemals kommen möge......
Da ist es auch nicht sonderlich tragisch, wenn einer der alten Bandmitglieder dieses Mal nicht dabei ist. Der Keyboarder Jerry Dammers hat sich mit viel Getöse der Reunion verweigert und bleibt den umjubelten Konzertauftritten fern. Das ist zwar schade, denn Jerry Dammers war damals einer der prägenden Köpfe der Band und des 2-Tone-Ska. Aber "Who needs keyboard players anyway" so wichtig er für die Entwicklung der Band damals war, sein jetziges Fehlen ist gut zu verschmerzen, da seine musikalische Präsenz nie so bedeutend war wie die von Neville Staples oder Terry Hall.

Viel schlimmer als das Fehlen von Jerry Dammers ist für mich die Tatsache, dass die Band (noch) nicht nach Deutschland kommen. Und ich weiß nicht, ob die CD ein Trost für das verpasste Liveerlebnis ist oder ob die Platte die Enttäuschung, The Specials nie live erlebt zu haben, noch vergrößert....

Es ist auf jeden Fall eine verdammt gute CD!

The Specials Homepage


Fotos: wonker auf flickr